THOMAE GESCHICHTEN

 

WARUM GERADE BIBERACH?

 

Wie so oft in der Industriegeschichte zeichnet der Zufall dafür verantwortlich, dass sich ein Betrieb in diesem und nicht in jenem Ort ansiedelt. Bei Thomae in Biberach ist es nicht anders. Boehringer Ingelheim im bombengefährdeten Rheinland sucht 1943 einen sicheren Ausweichbetrieb. Nach einem Schreiben der Reichsstelle Chemie im August 1943 soll in dem zu errichtenden Betrieb vor allem das Kreislaufmittel Sympatol® hergestellt werden, zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung der Truppe. Ausschlaggebend für die Auswahl des neuen Standorts sind persönliche Verbindungen. Dr. Ernst Boehringer (1896-1965) unterhält freundschaftliche Kontakte zum Pfefferminz-Hersteller Willy Hillers in Solingen. Dessen Frau Amalie ist eine geborene Ilg aus Biberach. Den Hillers gehört das so genannte "Bilgerhaus" in der Gymnasiumstraße 20 in Biberach. Die Räumlichkeiten stehen zur Verfügung, und auch die Stadtverwaltung erhebt keinen Einspruch. Abgelegen, das heißt bombensicher erscheint Oberschwaben allemal. Doch eine Ortsbesichtigung ergibt, dass die Räume in der Gymnasiumstraße nicht geeignet sind. Schnell wird eine Alternative gefunden und die wegen Rohstoffmangels während des Krieges stillgelegte Konditoreiwarenfabrik Gebrüder Baur in der Wielandstraße 31 angeboten. Am 1. September 1943 wird der Mietvertrag geschlossen.

 

DIE ANFÄNGE IN BIRKENDORF

Nach der Neugründung der Dr. Karl Thomae GmbH 1946 werden die über die Stadt und Umgebung verteilten pharmazeutischen Fertigungs-, Verpackungs- und Versandeinheiten schrittweise im Gebäude der früheren Leimfabrik Helb & Fröscher in Birkendorf zusammengefasst. Der erste Eindruck in Birkendorf muss ernüchternd gewesen sein: Die alte Leimfabrik ist ein heruntergekommener unverputzter Fachwerkbau mit Schornstein. Auf dem unbefestigten Gelände stehen noch die Holzbaracken des ehemaligen Internierungslagers der französischen Militärregierung. Dessen Wachturm an der Nordostecke des Lagerzauns wird 1948 abgebrochen. Das anfallende Holz dient als Heizmaterial. Je mehr Mitarbeiter in Birkendorf zusammenkommen, desto dringlicher wird eine Werksverpflegung. Diese wird im Oktober 1947 eingerichtet. 120 Essen werden mittags und abends ausgegeben, offenbar auch an die Mitarbeiter der Handwerksbetriebe, die bei den Bauarbeiten auf dem Betriebsgelände beteiligt sind. Für die erforderlichen Lebensmittellieferungen pachtet Thomae das Versuchsgut Herlighof im Kreis Ehingen. Von dort kommt 1947 ein notgeschlachtetes Ferkel, für das bei einer behördlichen Kontrolle keine Fleischzuteilung in den Akten steht. Für die Kontrolleure erfüllt das den Tatbestand des Kriegswirtschaftsverbrechens. 244 Kilogramm Fleisch in Dosen werden beschlagnahmt. Prokurist Paul Ulrich nimmt die Verantwortung auf sich. Gegen ihn und eine Mitarbeiterin ergeht wegen wissentlicher Schwarzschlachtung ein Strafbefehl in Höhe von 200 Reichsmark oder bei Nichteinbringung 40 Tage Gefängnis. Einspruch wird eingelegt. Es dauert bis zum 30. Januar 1950, dann stellt das Amtsgericht Biberach die Sache ein.

 

THOMAPYRIN® UND CO.

Als erste Präparate von Thomae werden ab dem 24. Juni 1946 das Herz- und Kreislaufmittel Perxanthin® und ab dem 8. August 1946 das Grippemittel Thomasco® hergestellt und von hier aus vertrieben. Am 10. Oktober 1946 folgt das bis heute erfolgreiche Schmerzmittel Thomapyrin®. In den Arztpraxen und Apotheken wird es mit dem Zusatz vorgestellt: "Zur Schmerzbekämpfung ohne ermüdenden Effekt". Die Packung mit 20 Tabletten kostet 1,50 Reichsmark. Die ersten Tabletten werden noch in Ingelheim gepresst, bis im Oktober 1946 die neuen Thomae-Prägestempel in Biberach ausgeliefert werden. Die zunächst graue Verpackung aus Zellstoff und Wellpappstreifen spiegelt die zeitbedingte Rohstoffknappheit. Calcium gluconicum® für die Kalktherapie vervollständigt diese erste Produktpalette.

 

DIE EIGENE FORSCHUNG

Besonders Dr. Ernst Seeger wird mit 120 Patenten zum Wegbereiter der Thomae-Forschung. Ihm gelingt die Synthese zweier die Durchblutung der Haut anregender Wirkstoffe, die zum ersten Thomae-Präparat aus eigener Forschung führen: 1951 kommt Finalgon®-Salbe zur Wärmetherapie bei Rückenschmerzen und Verspannungen auf den Markt und wird als "Heizkissen aus der Tube" beworben. Zum größten Erfolg von Dr. Ernst Seeger wird 1952 Laxans Thomae® (mit dem Wirkstoff Bisacodyl) gegen Verstopfung, das heutige Dulcolax®. Weil pflanzliche Abführmittel wegen der Einfuhrbeschränkungen nach dem Krieg kaum erhältlich sind, beginnt Dr. Seeger 1948 mit der Synthese künstlicher Laxantien: "Wir hatten eine große Anzahl von wirksamen Verbindungen gefunden, die uns aber aus verschiedenen Gründen nicht befriedigten. Erst die 96. Verbindung brachte den gewünschten Erfolg: La 96a. Das war's." Die Verträglichkeitsprüfungen zur Festlegung der Dosis erfolgen in Selbstversuchen sowie in der Familie und im Bekanntenkreis. Die Begeisterung der Probanden habe sich ob der durchschlagenden Wirkung des Mittels in Grenzen gehalten.

 

ERSTE WERBEMASSNAHMEN

1950 beträgt der Jahresumsatz bei Thomae 3,26 Millionen DM und die Produktion rund 6 Millionen Packungen, eine beachtliche Steigerung gegenüber 500.000 Packungen im Jahr 1946. Auch Werbemaßnahmen werden auf dem wachsenden Arzneimittelmarkt der Wirtschaftswunderjahre wichtig. Thomae-Werbeleiter Dr. Hans Norf lässt Laxans Thomae® mit bunten Karten bei Ärzten und Apothekern bekannt machen. Auf diesen Karten wirbt der Vogel Lax mit heiteren Versen für das Abführmittel, ohne dessen Wirkung beim Namen zu nennen. Dr. Robert Boehringer, Neffe des Unternehmensgründers Albert Boehringer, erscheint das allzu schamhaft, er wendet sich brieflich an Biberach:

18. Juni 1953
"Sehr geehrter Herr Dr. Norf,
werden Sie und wird der verantwortliche Künstler mir eine privat geäußerte Kritik übelnehmen? Ihre Karten Laxans-Thomae wirken auf mich wie das Mittel selbst und insofern nicht mehr Absatz fördernd. Wie reagieren die Ärzte? Wird die Serie fortgesetzt?
Mit verbindlichen Grüßen
Ihr ergebener Robert Boehringer"

20. Juni 1953
"Sehr verehrter Herr Dr. Boehringer,
nach dem Empfang ihres Schreibens vom 18.6. reihte ich sie schmunzelnd ein in die Galerie feinsinniger Beobachter, welche die Leiden des Vogels Lax nicht länger mit anschauen können. Es ist aber ein Grundsatz der Werbung, daß sie dann erst wirksam wird, wenn sie dem Werbungstreibenden selber zum Halse heraushängt. Bei nüchterner Analyse der eingehenden Berichte muß ich sagen, daß die Werbeaktion mit dem komischen Vogel die wirksamste gewesen ist, die die Firma Thomae bisher je durchgeführt hat. Ein halbes Jahr nach Einführung des Präparates gibt es buchstäblich keinen Arzt mehr, der nicht weiß, daß wir ein neues Laxans auf den Markt brachten, und kaum eine Arztfrau, die es nicht selbst ausprobiert hat. Und das will bei der Überschwemmung des Marktes mit Laxantien bestimmt etwas heißen.
Die Bildersprache ist nun einmal die beste Werbesprache, weil sie die primitivste ist. Unsere Seite hat uns der Peinlichkeit enthoben, die Indikationen für die Anwendung des Präparates und den Erfolg seiner Wirkung graphisch illustrieren zu müssen. Leider ist die Entfernung der Schlackenstoffe aus dem menschlichen Körper ein unästhetischer Vorgang und dem gegenüber erscheinen mir die Laxans-Bilder heute noch als eine der wenigen überhaupt möglichen Formen, davon in aller Breite zu reden. Die Ärzte jedenfalls haben es so verstanden und sich nebenbei ganz köstlich amüsiert. Im übrigen machen wir vom Herbst ab in Seriös!
Mit den besten Empfehlungen
Ihr sehr ergebener H. Norf"

 

DIE "SCHÜTZENGUTSLE" 

Seit 1955 unterstützt Thomae (bzw. Boehringer Ingelheim) das Biberacher Schützenfest in Form von Schützengutsle für die teilnehmenden Kinder. 1955 bedankt sich Bürgermeister Wilhelm Leger mit den folgenden Worten:

"Von Ihrer freundlichen Mitteilung, dass Sie ... den Kindern etwas stiften wollen, habe ich mit Freude Kenntnis genommen... Zugleich darf ich Ihnen ... vorschlagen, anstelle des Geschenks von Wurst mit Wecken ... einen 'Thomae-Beutel' mit Keks oder Bonbon gefüllt zur Verfügung stellen zu wollen. Dies würde ganz zweifellos bei den Kindern die größte Freude auslösen, denn am Schützenfest will man 'jetzt wieder süß' leben... Ich darf Ihnen im Namen der Schützendirektion den Dank für Ihre Förderung unseres Schützenfestes zum Ausdruck bringen und grüße Sie bestens."

1955 erhalten 2.700 Kinder die Schützengutsle. 1956 sind es 3.060 Kinder und 1963 sogar 4.057 Kinder. Die Schützengutsle von Boehringer Ingelheim gibt es bis heute.

 

DR. ERNST BOEHRINGER (1896-1965)

Als Gesellschafter und verantwortlicher Geschäftsführer begleitet Dr. Ernst Boehringer das Wirken in Biberach mit großer Aufmerksamkeit. In den ersten Jahren legt er die Strecke von Ingelheim nach Biberach mit einem alten Maybach zurück, in dem sich schon sein Vater, Kommerzienrat Albert Boehringer, chauffieren ließ. Der nahe Gasthof Haberhäusle in Birkendorf wird zu seinem Hauptquartier. In seinen Gesprächen mit den Biberacher Verantwortlichen bestärkt er diese darin, die betrieblichen Freiräume zu nutzen. Dr. Ernst Boehringer gehört zu den herausragenden Unternehmerpersönlichkeiten des deutschen Wiederaufbaus. Prinzipientreu stellt er hohe Anforderungen an sich selbst wie an seine Mitarbeiter. Zugleich weiß er die Menschen in einer vornehm distinguierten Artikulierung zu beeindrucken wie zu gewinnen. Aus Strenge und Toleranz, Rationalität und menschlicher Achtung entsteht ein kultiviertes argumentatives Klima, das besonders die leitenden Mitarbeiter motiviert.

7. Dezember 1964
"Sehr verehrter Herr Dr. Boehringer,
da in der Weihnachtszeit die milden Gaben reicher fließen, ist es mir leicht gelungen, Ihnen fünf unserer schmalen Thomae-Notizbüchlein wie fünf kleine Notizblöcke zu senden. Gerade die letzteren erfreuen sich großer Beliebtheit als 'peripheres Gehirn', das man in der linken oberen Rocktasche leicht bei sich haben kann und das – wie ich aus Erfahrung weiß – mit dem Fortgang der Jahre sich immer zuverlässiger erweist als dasjenige, das eine Etage höher untergebracht ist.
Stets Ihr ergebener
H. Norf

Fernschreiben
herrn dr. norf: fuer die aufmerksame und reichliche gabe der fa. thomae zur unterstuetzung meines durch alter schwach gewordenen gedaechtnisses sage ich ihnen herzlichsten dank mit der freudigen feststellung, dass die fa. thomae es besser als ingelheim versteht, der biologischen ausweglosigkeit meines alters rechnung zu tragen.
ernst boehringer"

 

WIRTSCHAFTSWUNDERJAHRE

1955 zählt Thomae 953 Beschäftigte. Der Akademikeranteil ist ungewöhnlich hoch, jeder siebte Firmenangehörige hat einen Hochschulabschluss. Die häufig sehr jungen promovierten Chemiker, Pharmazeuten und Mediziner kommen oft aus fernen Universitätsstädten ins kleine Biberach. Den Anreiz bietet allein die im Aufbau begriffene Firma mit ihrer Aufbruchstimmung. Die Wissenschaftler locken die Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Labor um Labor wird eingerichtet. Abgesehen von vierteljährlichen Berichten vor der Geschäftsleitung eröffnen sich für die Kriegsgeneration ganz ungekannte wissenschaftliche und berufliche Freiräume. 1955 umfasst das Produktprogramm 23 Präparate in 80 verschiedenen Packungsgrößen. Knapp 21 Millionen Packungen werden hergestellt und vertrieben. 1960 – nur fünf Jahre später – hat sich die Zahl der Beschäftigten ebenso wie die Produktionsmenge nahezu verdoppelt. Die technischen Mitarbeiter kommen häufig von der Grübler'schen Chemiefachschule in Isny. Facharbeiter für die Produktion werden in betriebsinternen Kursen herangebildet. 1953 wird mit der kaufmännischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung begonnen. Werksbuslinien werden eingerichtet, die die Mitarbeiter aus dem Umland ins Werk und wieder nach Hause bringen. In den folgenden Jahren werden in Biberach über 600 Werkswohnungen errichtet. 1956 startet die eigene Betriebskrankenkasse. 1957 kann das neue sechsgeschossige Verwaltungsgebäude in Birkendorf bezogen werden.

 

1954 beschreibt die lokale Schwäbische Zeitung die neuen Fertigungsräume bei Thomae beinahe euphorisch: "Was dem Besucher bei einer Besichtigung der weiträumigen Betriebsanlagen, die einen freundlichen Ausblick ins untere Rißtal gewähren, besonders auffällt, sind nicht nur die Zweckbauten mit ihren schönen und hellen Arbeitsräumen der verschiedenen Abteilungen, die zahlreichen Laboratorien, Fertigungsstätten, die modernsten Apparaturen, Maschinen und sonstigen technischen Einrichtungen, sondern die überall anzutreffende größte Ordnung und Reinlichkeit – Ritual der Sauberkeit!
Der Produktionsvorgang in der Herstellung der Präparate, der Tabletten, Dragees und pharmazeutischen Spezialitäten gibt dem Beschauer nicht nur eine ungefähre Vorstellung von der vorausgehenden Forschungsarbeit, die über den Weg des biologischen Experiments – des Versuchs der Synthese neuer Heilmittel – die Idee zur Wirklichkeit führen soll, sondern er zeigt zugleich auch, daß beispielsweise Dragieren eine handwerkliche Kunst ist. Rauschend drehen sich tausende vorgepreßter Drageekerne unaufhörlich in den glitzernden Kupferkesseln und Schicht auf Schicht legt sich hauchdünn um sie.
Wie hübsch, glatt und rund, sauber und appetitlich sind die vielen kleinen, weißen Tabletten anzuschauen, die in der Tablettenmaschine verarbeitet werden... Wo immer man in den sauberen Werkräumen der Präzision des Arbeitsganges von der Verarbeitung der Rohstoffe bis zur automatisch betriebenen Etikettierung und Verpackung begegnet, überall erhält man den starken Eindruck, daß hier eine Gemeinschaftsleistung im Dienste der Gesunderhaltung des Menschen steht, bestrebt, die menschliche Lebenserwartung in immer höhere Jahre zu tragen."

 

 

EINE HEIMSTATT IM "HAUS KRONE"

Zum sozialen und kulturellen Zentrum des betrieblichen Lebens wird in den 1960er und 70er Jahren das "Haus Krone" in der Hindenburgstraße. Ansätze zu einem "Feierabendhaus" gibt es schon 1949 in Form eines Junggesellentreffs in der Gymnasiumstraße. Die medizinische Abteilung im dortigen Bilgerhaus gewährt abends im Dachgeschoss Raum für Geselligkeit. Als die Thomae-Verwaltung 1957 aus dem ehemaligen Hotel Krone in der Hindenburgstraße 15 in Richtung Birkendorf auszieht, entsteht die Idee der Umwidmung dieses Hauses für Freizeitaktivitäten. Thomae stellt 50.000 DM zur Verfügung. Damit werden die Räume hergerichtet und – für damalige Verhältnisse – optimale Bedingungen in Sachen Musik, Fernsehen, Basteln, Nähen, Tischtennis, Waschen, Duschen, Lesen, Vorträge und vieles mehr geschaffen. Der Aufwand dient der Mitarbeiterbindung, besonders im Hinblick auf die vielen jungen Fachkräfte bei Thomae, die häufig zugezogen und ohne Familie sind: "Die Bedeutung dieses Feierabendhauses kann wohl nur ermessen, wer als Zugezogene(r) die Trostlosigkeit möblierter Zimmer in einer Kleinstadt mit kaum nennenswertem gesellschaftlichen Leben seinerzeit erfährt. Als die Akteure schamhaft Dr. Ernst Boehringer das Werk vorstellen, freut er sich über die 'knitzen' – sprich findigen Schwaben – und gibt ihnen einen aus." (Gunter Engelberg) Am 8. April 1958 wird das "Haus Krone" eröffnet und daraufhin von den engagierten Nutzern selbst verwaltet. 1963 bis 1968 erscheinen monatliche "Krone-Programme", Vorläufer der Werkszeitung, die zum Mittun anregen. 1962 bis 1974 ist Ilse Moder die gute Seele des Hauses, sie kümmert sich um die Bewirtung wie auch um die Sorgen und Nöte der Gäste, während diese auf das Fertigwerden ihrer Wäsche warten. Eine Chabesade – eine Limonade der Boehringer-Tochter Chabeso – ist für 50 Pfennig zu haben, ein Schmalzbrot für 20 Pfennig.

 

"WEGE UND GESTALTEN"

Heinz Saueressig, der spätere Geschäftsführer der Basotherm GmbH in Biberach, initiiert 1963 bis 1968 die öffentliche Veranstaltungsreihe "Wege und Gestalten". Es gelingt ihm, prominente Literaten, Wissenschaftler und Philosophen nach Biberach zu holen – unter anderen Theodor W. Adorno, Fritz Bauer, Ernst Bloch, Hilde Domin, Manfred Eigen, Günter Grass, Ernst Jünger, Golo Mann, Martin Walser – und immer ist der Saal voll.

Peter Griesinger inszeniert die ersten Biberacher Jazz-Tage und Heinz Saueressig 1973 die ersten Universitätstage. Ab 1962 nehmen nach und nach zwölf Arbeitskreise als "Krone-Zirkel" ihre Aktivitäten auf, zu Botanik, Elektronik, Film, Tanz, Fremdsprachen und anderem mehr. Die Kinderstunde zeigt Märchenfilme. 1966 findet der Thomae-Chor zusammen und probt zunächst im Dachgeschoss zwischen Wäscheleinen. Das "Haus Krone" versucht Biberach für Zugezogene attraktiv zu halten. Die Offenheit gegenüber Biberacher Gästen bei Thomae-Veranstaltungen bringt das Miteinander zwischen Thomaeanern und Bibern in Gang. Ab Mitte der 1970er Jahre schafft das sich intensivierende kulturelle Leben in städtischen Einrichtungen wie der Volkshochschule, der Stadtbücherei, der Musikschule und dem Museum oder durch örtliche Vereine und private Initiativen wie dem Schützentheater, dem Dramatischen Verein oder den Filmfestspielen teilweise Ersatz. Eine Zäsur ergibt sich 1988, als das "Haus Krone", zuletzt am Kirchplatz gelegen, im Zuge von Sparmaßnahmen geschlossen werden muss. Die Zirkelaktivitäten bleiben zum Teil lebendig.

 

NEUE WIRKSTOFFE

Seit 1953 beschäftigt sich Dr. Johannes Keck bei Thomae mit Alkaloiden aus Heilpflanzen. Die heilende Wirkung der Blätter des indischen Lungenkrauts Adhatoda vasica ist als Hustenmittel und bei Asthma oder Bronchitis bekannt. Dr. Keck und seine Mitarbeiter isolieren das Hauptalkaloid Vasicin, das schleimlösende Eigenschaften besitzt, jedoch nur schwach wirksam und chemisch instabil ist. Deshalb wandeln die Chemiker das Molekül so lange ab, bis ein stärker wirksames und ausreichend stabiles Derivat vorliegt. Besonders erfolgversprechend erscheint Dibrom-Vasicin. In der pharmazeutischen Entwicklung wird daraus der Wirkstoff Bromhexin, der 1963 unter dem Markennamen Bisolvon® als erstes schleimlösendes Hustenmittel aus dem Hause Thomae auf den Markt kommt.

Noch vor der Markteinführung von Bisolvon® ereignet sich bei der Entwicklung des Herstellungsverfahrens ein tragischer Unfall. Am 23. Juli 1963 explodiert im Kilolabor ein 100-Liter-Vakuum-Destilliergefäß. Zwei in der Nähe beschäftigte Mitarbeiter kommen zu Tode, sieben weitere werden verletzt. Die auftretende Rauchentwicklung erschwert die Rettungsarbeiten der Werkfeuerwehr. Die Schwäbische Zeitung schreibt: "Eine weiße Rauchwolke zog über die Stadt hinweg und teilweise legte sich ein beißender Geruch in die Straßen der Stadt, der bei vielen Leuten zu Tränenreiz führte. Feuerwehr und Rotes Kreuz wurden sofort alarmiert. Die starke Verqualmung ließ ein Vordringen zum Explosionsherd nur mit Gasmasken zu."

Bei Thomae wird erwogen, die Produktion des Medikaments einzustellen. Doch dann gelingt es den Entwicklern, eine sichere Verfahrensalternative auszuarbeiten. Zur Vermeidung ähnlicher Unfälle wird eine innerbetriebliche Materialprüfstelle geschaffen, die das physikalische, chemische und thermische Verhalten der bei neuen Verfahren zur Anwendung kommenden Arbeitsstoffe und Reaktionsgemische untersucht. Zusätzlich wird 1963 für die gesundheitliche Betreuung der Mitarbeiter eine eigene werksärztliche Station eingerichtet.

Im Folgenden erobert Bisolvon® als Hustensaft, Tropfen oder Tabletten eine führende Marktposition und ist bis 1985 das meist verschriebene Erkältungspräparat in Deutschland. Danach wird es von Nachahmerpräparaten von diesem Spitzenplatz verdrängt und erfährt auch Konkurrenz aus der Thomae-Forschung. Der neue Wirkstoff heißt Ambroxol und wird die erfolgreiche Nachfolgesubstanz unter dem Markennamen Mucosolvan®, dessen Einführung 1979 beginnt.

 

EIN ABSTURZ

Am 27. Juni 1983 schrammt eine Katastrophe nur knapp am Thomae-Werksgelände vorbei, als um 11:26 Uhr ein französischer Düsenjäger vom Typ Mirage nach dem Zusammenstoß mit einer zweimotorigen Propellermaschine über dem Biberacher Flugplatz nur rund 100 Meter vom Thomae-Gästehaus und Bildungszentrum entfernt in das angrenzende Birkendorfer Wohngebiet abstürzt. Die Schwäbische Zeitung berichtet auf der Titelseite:

"An der Absturzstelle der Mirage im Stadtteil Birkendorf bot sich ein Bild des Grauens. Drei zweigeschossige Häuser brannten aus und wurden total zerstört, vier weitere sind schwer beschädigt. 23 Personen wurden obdachlos. Aus den Trümmern bargen Feuerwehrleute die Leichen eines Mannes und einer Frau. Zwei weitere Tote wurden am Abend aufgefunden. Der tote Pilot der Maschine ist ein 38-jähriger Oberstleutnant der französischen Streitkräfte und Vater von drei Kindern. Im weiten Umkreis um den Unfallort gingen Scheiben und Dachplatten zu Bruch, mehrere Fahrzeuge gerieten in Brand. Die Stadt ist nur um Haaresbreite einer Katastrophe unübersehbaren Ausmaßes entgangen. Die Absturzstelle befindet sich nur etwa 80 Meter vom Hauptbetrieb des Arzneimittelherstellers Thomae entfernt, der dort rund 3.000 Mitarbeiter beschäftigt. In dem Gebäude sind beträchtliche Mengen an Chemikalien und Brennstoffen gelagert. In unmittelbarer Nähe des Absturzortes sind außerdem zwei Lebensmittelmärkte und eine Tankstelle untergebracht."

Auch die beiden Insassen der Propellermaschine kommen zu Tode. 13 Verletzte werden mit zum Teil schweren Verbrennungen registriert. Einer von ihnen erliegt einige Wochen später seinen Verletzungen. Damit erhöht sich die Zahl der Todesopfer auf acht. Eine Birkendorfer Familie ist besonders hart betroffen. Zwei Brüder im Alter von 21 und 22 Jahren sind gerade beim Auszug aus dem Haus im Meisenweg, als sie ums Leben kommen, ebenso wie ihr Schwiegervater, der beim Einpacken hilft. Zurück bleiben eine junge Frau und ein wenige Monate altes Baby.

Der Unfallort in Birkendorf sieht aus wie nach einem Luftangriff. Flugzeugteile liegen viele Hundert Meter um den Ort des Aufpralls verstreut. Sie sind wie Geschosse in Gebäude oder Fahrzeuge eingeschlagen. Die Werkfeuerwehr von Thomae ist mit Werkssanitätern und Ärzten zuerst am Unglücksort. Wenig später treffen die Freiwilligen Feuerwehren aus Biberach, Bad Schussenried und Laupheim ein. In Birkenhard, der Absturzstelle der Privatmaschine, arbeiten die Feuerwehren aus Warthausen und Riedlingen. Zusammen sind 196 Feuerwehrleute im Einsatz. Die Unfallstelle in Birkendorf wird hermetisch abgeriegelt. Die Polizei muss zahlreiche Schaulustige fernhalten. Hubschrauber fliegen ein und aus. Die Beamten können eine verzweifelte Frau davon abhalten, zu nahe an ein brennendes Haus heranzugehen. Besorgte Eltern suchen nach ihren Kindern. Die Anwohner sind in Angst und Schrecken.

Das Medienecho ist groß. Über die "Katastrophe von Biberach" wird in ganz Deutschland berichtet. Die Stadt- und Kreisverwaltungen, die Kirchen, Thomae und zahlreiche Bürger leisten Hilfe. Für Verpflegung und Unterkunft wird gesorgt. Finanzielle Unterstützung wird bereitgestellt. Ein Hilfsfond der Stadt und des Landkreises wird eingerichtet. "Nur die Toten kann keiner mehr lebendig machen." An der Trauerfeier am Freitag, den 1. Juli 1983 in der Biberacher Stadtpfarrkirche nehmen knapp tausend Menschen teil. Zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens und der Kirchen, der Stadt, des Kreises und der Landesregierung sowie hohe Militärs der deutschen und der französischen Streitkräfte wohnen dem ökumenischen Gottesdienst bei und verabschieden sich gemeinsam mit den Angehörigen von den Opfern.

Die Ermittlungen ergeben, dass sich am Morgen des 27. Juni zwei Mirage-Kampfflieger vom elsässischen Militärstützpunkt Straßbourg-Enzheim auf einem Aufklärungs-Tiefflug mit Ziel auf den Luftraum von München befanden. Die Rotte bewegte sich in einer Höhe von 300 Metern und einer Geschwindigkeit von 700 km/h auf einem Kurs, der etwa vier Kilometer nördlich an Biberach vorbei führen sollte. Als sich eine Störung im Funkverkehr ergab, stieg der Rottenführer auf 400 Meter und übersah das im Anflug auf den Landeplatz Biberach-Birkenhard befindliche Privatflugzeug. Die Flugroute lag etwa zwei Kilometer weiter südlich als vorgesehen. Das Kleinflugzeug wurde von der Mirage von hinten getroffen. Die Kanzel des Jets riss ein Stück des rechten Tragflügels ab und wurde dabei zertrümmert. Der Pilot der Mirage wurde sofort getötet. Während die Privatmaschine abkippte und in eine Fichtenschonung stürzte, raste der Jet führerlos auf die Biberacher Wohnsiedlung Birkendorf zu. Der Kampfflieger hatte keine scharfe Munition an Bord, allerdings 2.400 Liter Kerosin geladen.

 

BIOTECHNOLOGIE IN BIBERACH

Mit den Fortschritten der Gentechnik seit den 1970er Jahren eröffnen sich auch neue Möglichkeiten für die Arzneimittelentwicklung. In Deutschland und in einer Reihe anderer europäischer Länder werden die Chancen und Gefahren dieser Technologie kontrovers diskutiert. Thomae in Biberach wendet sich als eines der ersten Pharmaunternehmen in Deutschland der Biotechnologie zu. Bereits seit 1973 sucht man – allerdings noch auf konventionellen biotechnischen Wegen – nach neuen Antibiotika. 1978 beginnt man mit der Vermehrung (Fermentation) von Zellkulturen und stellt monoklonale Antikörper sowie Interferone großtechnisch her. Thomae und Boehringer Ingelheim suchen nach Möglichkeiten, dieses Potenzial weiterzuentwickeln und reflektieren dabei die ethischen Grenzen der neuen Technologie:

"Mit der Möglichkeit, sein eigenes Erbgut zu verändern, hat der Mensch eine Macht erlangt wie nie zuvor. Die Wissenschaft ist gehalten, sich mit diesen Problemen ernsthaft auseinanderzusetzen, nicht einseitig der Faszination des technischen Fortschritts zu verfallen, sondern in allem die Würde des Menschen zu achten und zu bewahren." (Dr. Heinz Ried, Geschäftsführer der Dr. Karl Thomae GmbH)

Als Boehringer Ingelheim 1983 von der US-amerikanischen Genentech Inc. das Vertriebsrecht für den gentechnisch gewonnenen Wirkstoff Alteplase erwirbt, ist dies für Firmenchef Hubertus Liebrecht verknüpft mit dem Entschluss, in Biberach ein eigenes Biotechnikum zu errichten. Es geht um ein neuartiges Mittel gegen Herzinfarkt. Auch wenn die Vertragspartner kaum gegensätzlicher sein können – ein großes Pharmaunternehmen in Biberach und eine junge Startup-Firma in San Francisco – ergänzen sie sich sinnvoll. In gemeinsamen Projektteams entwickeln die Unternehmen in weniger als fünf Jahren den Wirkstoff Alteplase zur Marktreife und erhalten in Deutschland 1987 die Zulassung für Actilyse® gegen akuten Herzinfarkt.

Actilyse® ist 1987 weltweit das erste Medikament, das in großtechnischem Maßstab mittels gentechnisch veränderter Zellkulturen hergestellt wird, in Deutschland ist es das erste biotechnisch hergestellte Medikament überhaupt. Die Produktion geschieht im neuen Biotechnikum in Biberach, das zwischen Juni 1985 und November 1986 in knapp 18 Monaten errichtet wird. Mit einem Volumen von 145 Millionen DM ist es die bis dahin größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte und die erste großtechnische Produktionsanlage für den Einsatz von Säugetierzellkulturen in Europa. Die Einweihung des Biotechnikums im November 1986 findet im festlichen Rahmen statt. Firmenchef Hubertus Liebrecht, Ministerpräsident Lothar Späth und Thomae-Geschäftsführer Dr. Heinz Ried geben den Startschuss. Boehringer Ingelheim ist eines der wenigen Pharmaunternehmen, die sich in diesem zukunftsträchtigen Technologiebereich für den Produktionsstandort Deutschland entscheiden.

 

ANFANG VOM ENDE ODER NEUER AUFBRUCH?

Unmittelbar nach dem ebenso frühen wie überraschenden Tod von Hubertus Liebrecht 1991 folgen zwei schwierige Jahre für Boehringer Ingelheim. 1993 erfasst die Rezession Europa. Bei Boehringer Ingelheim bricht das Deutschlandgeschäft ein, europaweit gehen die Erlöse im Humanpharmageschäft um 9 Prozent zurück. Thomae beantragt beim Arbeitsamt Ravensburg für die Zeit vom 5. April bis 28. Mai für einen Teil der Pharmazeutischen Fertigung Kurzarbeit.

Noch im ausgehenden Jahr 1993 fällen die Unternehmensleitung und der Gesellschafterausschuss eine Grundsatzentscheidung zur strukturellen Anpassung des Unternehmensverbands: "Um langfristig unser Humanpharmageschäft zu sichern und in Deutschland attraktiv und rentabel gestalten zu können, haben wir ... mit einer grundlegenden strategischen und strukturellen Neuausrichtung des Deutschlandgeschäfts begonnen. Ziel ist eine Bündelung unserer Kräfte auf die sich ändernden Bedürfnisse des Marktes mit einer einheitlichen Führung des deutschen Pharmageschäfts."

Am 13. Dezember 1993 werden die Mitarbeiter über die Planungen informiert: In Zukunft sollen die beiden großen Boehringer-Standorte in Deutschland nicht mehr unabhängig voneinander Forschung, Fertigung und Marketing jeweils für sich vorhalten. Nur die modifizierte Aufteilung der Aufgaben kann den neuen Anforderungen des gesteigerten weltweiten Wettbewerbs gerecht werden. Ingelheim soll zum Kernstandort für die Fertigung werden, während in Biberach die Erforschung und Entwicklung neuer Arzneimittel in Deutschland konzentriert wird. In Biberach verbleibt die biopharmazeutische Fertigung, in Ingelheim werden neben der Unternehmensleitung auch die Marketing- und Vertriebsfunktionen konzentriert. Für die Umsetzung der beschlossenen Strukturmaßnahmen wird ein mehrjähriger Zeitrahmen festgelegt.

Trotz der Adventszeit ist die Stimmung alles andere als besinnlich. Erstmals in der Firmengeschichte kommt es zu lautstarken Protestbekundungen. Am 16. Dezember beteiligen sich über 2.000 Menschen, im Wesentlichen Thomae-Mitarbeiter, an einer Demonstration der Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik auf dem Biberacher Marktplatz. Auf den Transparenten ist zu lesen: "Stille Nacht, heilige Nacht – bei Thomae wird bald dicht gemacht?"

In den kommenden Monaten verhandelt die Geschäftsführung mit den Betriebsräten in Ingelheim und Biberach über praktikable Lösungen. Sie finden zu der wegweisenden Vereinbarung, dass betriebsbedingte Kündigungen in Folge der Neustrukturierungen ausgeschlossen werden können. Diese gute Nachricht wird noch Anfang Dezember 1994 an die Beschäftigten gegeben. Ein Jahr ist vergangen, doch die Situation ist eine völlig andere. Die Arbeitsplätze sind sicher. Erleichterung greift um sich. Bei der Jobgarantie hilft die wieder anspringende Konjunktur.

 

DAS "ENDE" VON THOMAE

1996 beginnen für einen Teil der von den Umstrukturierungen betroffenen Biberacher Mitarbeiter die Umschulungen auf neue Berufsfelder. Bis 2002 werden zwischen Ingelheim und Biberach etwa 2.500 Arbeitsplätze verlagert. Menschen sind deutlich weniger gewandert. Manche kündigen, viele können am jeweiligen Standort mit oder ohne Umschulung versetzt werden, nicht wenige pendeln, weil sie bis zur Verrentung nur noch einige überschaubare Jahre vor sich haben. Wirklich umgezogen von Ingelheim nach Biberach oder von Biberach nach Ingelheim sind nur einige Hundert Menschen.

1995 wendet Boehringer Ingelheim erstmals mehr als eine Milliarde Mark für Forschung und Entwicklung auf. Das Zutrauen in Biberach wächst, als am 10. April 1996 der Grundstein für ein neues Forschungsgebäude gelegt wird. Rund 33 Millionen DM werden in den Komplex investiert, der die Forschungsbereiche Pharmakologie und Pharmakokinetik aufnehmen soll. Es ist der erste sichtbare Schritt der Umstrukturierung. Biberach soll zum europäischen Forschungszentrum von Boehringer Ingelheim und in die weltweite Forschung und Entwicklung des Unternehmensverbands eingebunden werden. Zukunftsweisende Techniken halten Einzug. Computergesteuerte Laborroboter für die Durchführung automatischer Serientests und die computerunterstützte Röntgenstrukturanalyse von Proteinkristallen werden eingeführt.

So steht das 50-jährige Bestehen der Dr. Karl Thomae GmbH in Biberach – wiewohl das Ende der Eigenständigkeit naht – unter guten Vorzeichen und gerät zum Volksfest. 6.000 Menschen nehmen am 10. Juli 1996 an den Feierlichkeiten auf dem Gigelberg teil. Der Prozess der Schwerpunktbildung der Konzernfunktionen mündet am Jahresbeginn 1998 in der Zusammenführung der Dr. Karl Thomae GmbH mit der Boehringer Ingelheim KG zur Boehringer Ingelheim Pharma KG. Dem Namen nach hört Thomae auf zu existieren. Geschäftsführer Alexander Dehio erklärt: "Die Thomae-Lichter gehen zwar aus, wenn demnächst die alten Leuchtbuchstaben auf der Firma abmontiert werden und durch das neue Boehringer-Ingelheim-Firmenzeichen ersetzt werden. Aber sie strahlen heller und zukunftssicherer mit Boehringer."

 

Am 12. Januar 1998 wird der Thomae-Schriftzug entfernt. Die Montage des Boehringer-Ingelheim-Logos folgt am 3. März 1998. So manchem Thomaeaner wird dabei schwer ums Herz. Es gibt viele sentimentale Regungen, aber keine nennenswerte Reaktion. Der Vorgang ist – abgesehen von einer Pressemeldung – im städtischen Raum kaum wahrnehmbar. Hier geht keine Ära zu Ende, sondern das Tor für weitere Entwicklungen wird aufgestoßen. Es beginnt das große Bauen. Alles wird neu. Neben dem neuen Forschungsgebäude kommt die neue Entwicklung, die neue Medizin, und die Erweiterung der Biopharmazie wird ins Auge gefasst. Der Standort blüht in einer Weise auf, wie es niemand – angesichts der Absatzprobleme – für möglich gehalten hat. Zugleich befreit sich die Firmengruppe vom Standortdenken und findet auf breiter Front zu einer weit stärkeren Verzahnung und Zusammenarbeit.

 

 

DIE ZUKUNFT GEWINNEN

"Ein durchdringendes Sirenensignal ertönt, dann rollen vier Planierraupen los und pflügen sich langsam ins Erdreich. Auf einer von ihnen steht der Jenoptik-Vorstandsvorsitzende und frühere baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth. Sichtlich zufrieden schwenkt er die weiße Boehringer-Fahne, die man ihm zuvor in die Hand gedrückt hat. Zufrieden sein über den Boehringer-Neubau, in dem künftig biopharmazeutische Wirkstoffe produziert werden, kann Lothar Späth aus zwei Gründen: Zum ersten hat er vor nunmehr 15 Jahren als damaliger baden-württembergischer Ministerpräsident entscheidend daran 'mitgedreht', dass Boehringer ausgerechnet am Standort Biberach in die Produktion von Biopharmazeutika eingestiegen ist. Denn mit einem klaren Bekenntnis zur Gentechnologie hatte Späth den Boden bereitet. Zum zweiten deswegen, weil die Jenoptik-Tochter Life-Sciences Meissner + Wurst GmbH aus Stuttgart mit der Planung der neuen Anlage beauftragt wurde. Mit der neuen Produktion, die Ende des Jahres 2003 in Betrieb gehen soll und in die Boehringer rund 500 Millionen DM investiert, entsteht eine der weltweit größten Anlagen zur Herstellung von Biopharmazeutika."

"Der Boom bei Boehringer Ingelheim in Biberach hält an. Jetzt entsteht für sage und schreibe eine halbe Milliarde DM ein zusätzliches Produktionsgebäude für biopharmazeutische Heilmittel, nachdem erst im Juni 2000 der Beginn für den Ausbau der Chemischen Forschung mit einem Gesamtvolumen von 200 Millionen DM erfolgte. Welche Summen werden da bewegt! Sie sagen zwar aus, dass Boehringer die Mittel hat und sich wohl kaum in Schulden stürzen muss, aber sie bedeuten vor allem, dass die Firma aktuell am Markt bleibt und damit Zukunftssicherung für sich und ihre Mitarbeiter betreibt. Vermutlich kostet die Treue zum Standort Deutschland, sprich Biberach, ein gewisses Aufgeld, aber man hält bei Boehringer das qualitative Know-how aus mittlerweile langjähriger Erfahrung in Biotechnik und Biopharmazeutik dagegen: ein Sicherheitsfaktor in hochsensibler Technologie."

Noch am Tag des ersten Spatenstichs starten die Aushubarbeiten unter Grundwasserniveau. 4.500 Quadratmeter werden über zehn Meter tief ausgehoben. Trotz zum Teil widrigen Wetters während des Winters werden die beiden zehn Meter unter die Erde führenden Kellergeschosse bis Ende Februar 2001 fertig gestellt. Am 28. März 2001 legt Otto Boehringer den Grundstein. Über 200 Unternehmen aus aller Welt, vor allem aber aus der Region, arbeiten an dem 32 Meter hohen Prozessgebäude, das 26.200 Quadratmeter Produktionsfläche bietet. Zeitweise sind täglich mehr als 700 Handwerker und Monteure auf der Baustelle. 18.000 Kubikmeter Beton und 2.700 Tonnen Stahl werden verbaut. 70 Kilometer Rohrleitungen und 800 Kilometer Kabel werden verlegt. Hunderte von Auslässen verteilen Wasser, Dampf und Strom auf die zehn Stockwerke. Die technische Ausrüstung für die Fermentation, die Reinigung und die Formulierung von neuen biotechnisch gewonnenen Wirkstoffen umfasst über 600 Großgeräte. Ein Projektteam mit 60 Ingenieuren, Architekten, Technikern und qualifizierten Mitarbeitern aus allen Bereichen koordiniert die Abläufe von der Planung bis zur Inbetriebnahme. Nach nur 36 Monaten Bauzeit wird der neue biopharmazeutische Wirkstoffbetrieb am 17. September 2003 feierlich eingeweiht. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Erwin Teufel geben sich die Ehre. Der Vorgang gewinnt Zeichencharakter für den Standort Deutschland.

 

BOEHRINGER INGELHEIM IN BIBERACH

Im Sommer 2010 feiert Boehringer Ingelheim sein 125-jähriges Bestehen – nicht mit großem Pomp. Es gibt wohl den ein oder anderen Empfang, aber in der Hauptsache ist es ein Fest für die Mitarbeiter an den jeweiligen Unternehmensstandorten. Auch in Biberach ist die Öffentlichkeit nicht zugelassen. Die Bevölkerung nimmt dennoch regen Anteil – nicht über die Presse, die erhält nur offizielle Stellungnahmen – sondern unmittelbar. In der Stadt sagt man, jeder zweite Biberacher sei bei Boehringer Ingelheim entweder selbst angestellt oder verwandt beziehungsweise eng befreundet mit jemandem, der "beim Boehringer" arbeitet. Rund 12.000 Besucher – Angestellte und Angehörige – kommen am 18. September 2010 zum Mitarbeiterfest. Sie feiern sich selbst. Die Identifikationsmöglichkeiten der mehr als 4.500 Mitarbeiter mit diesem Standort und dem weltweit agierenden Großkonzern sind nicht mehr so selbstverständlich wie noch zu Thomae-Zeiten. Dennoch beweist auch diese Mitarbeitergeneration an einem sonnigen Spätsommertag im September 2010 vieltausendfach ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. Die enorme Dynamik dieses Unternehmens sowie das überaus bunte und vielfältige Kaleidoskop unterschiedlichster hochqualifizierter Menschen aus 39 Nationen hat auf Außenstehende eine besondere Ausstrahlung. Modernität, Wissenschaftlichkeit und Selbstbewusstsein bilden eine faszinierende Mischung. Diese eingeschworene Gemeinschaft ist sich häufig selbst genug und bildet beinahe eine Stadt in der Stadt.

2011 wird Thomapyrin®, der Klassiker aus dem Jahr 1946 und zeitweise das meistverkaufte Schmerzmittel in Deutschland, 65 Jahre alt. Irgendwie existiert Thomae noch immer.

 

BOEHRINGER INGELHEIM (VORMALS THOMAE) IN BIBERACH

1943 Boehringer Ingelheim errichtet in Biberach an der Riss einen Ausweichbetrieb zur Herstellung des kriegswichtigen Kreislaufmittels Sympatol® und des atemstimulierenden Mittels Lobelin®.
1946 Neugründung der Dr. Karl Thomae GmbH als Tochterunternehmen von Boehringer Ingelheim mit 74 Mitarbeitern in der Wielandstraße 31. Die ersten Präparate sind das Herz- und Kreislaufmittel Perxanthin®, das Grippemittel Thomasco® und das bis heute erfolgreiche Schmerzmittel Thomapyrin®.
1948 Aufbau der Produktionsanlagen und Labors auf dem Gelände der alten Leimfabrik Helb & Fröscher in Birkendorf
1949 Kooperation mit dem Schweizer Pharmaunternehmen Geigy. Thomae übernimmt in Lizenz die Herstellung und den Alleinvertrieb von Geigy-Präparaten in Deutschland. Die Zusammenarbeit bewirkt einen rasanten Aufschwung. Thomae steckt die Gewinne in den Ausbau der eigenen Forschung.
1951 Einführung des ersten Medikaments aus eigener Forschung: Finalgon® zur Wärmetherapie bei Rückenschmerzen und Verspannungen, das "Heizkissen aus der Tube"
1952 Einführung von Laxans Thomae® gegen Verstopfung (das heutige Dulcolax®)
1955 Thomae zählt 953 Beschäftigte. 1956 startet die eigene Betriebskrankenkasse. 1957 wird das sechsgeschossige Verwaltungsgebäude bezogen.
1958 Eröffnung des Feierabendhauses "Krone"
1959 Einführung von Persantin® zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit
1959 Gründung der Thomae-Tochter Basoderm (später Basotherm GmbH) für den Vertrieb von Spezialpräparaten gegen Haut- und Schleimhauterkrankungen
1960 Einführung von Silomat® gegen Reizhusten
1963 Einführung von Bisolvon® als Atemwegstherapeutikum
1963-68 Veranstaltungsreihe "Wege und Gestalten" mit prominenten Literaten, Wissenschaftlern und Philosophen
1965 Tod von Dr. Ernst Boehringer
1971 Thomae wird 25 Jahre alt. Von rund 3.200 Mitarbeitern ist ein Viertel in der Forschung beschäftigt. Mehr als 2.000 Beschäftigte wohnen in Biberach, sie stellen 20 % der Arbeitskräfte in der Stadt.
1973 Neubau der Pharmafertigung, im Volksmund "der blaue Elefant", für 60 Millionen DM, mit einer Produktionskapazität von jährlich 85 Millionen Packungseinheiten
1975 Einrichtung der werkseigenen Kläranlage mit einem Kostenaufwand von 6 Millionen DM
1979 Einführung von Mucosolvan® als Atemwegstherapeutikum
1983 Absturz eines französischen Düsenjägers vom Typ Mirage in unmittelbarer Nähe des Werksgeländes. Acht Menschen kommen zu Tode.
1986 Inbetriebnahme des Biotechnikums, die erste großtechnische Produktionsanlage in Europa für den Einsatz von Säugetierzellkulturen, mit einem Kostenaufwand von 150 Millionen DM die bis dahin größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte
1987 Einführung von Actilyse®  zur Therapie des akuten Herzinfarkts, das erste Medikament, das in großtechnischem Maßstab mittels gentechnisch veränderter Zellkulturen hergestellt wird.
1991 Tod von Hubertus Liebrecht
1993-94 Nach Absatzproblemen Entscheidung der Unternehmensleitung zur Zusammenführung von Thomae und Boehringer Ingelheim: Ingelheim soll Produktionsstandort und Biberach Forschungsstandort werden. Demonstrationen in Biberach und Ingelheim sind die Folge.
1996 Grundsteinlegung für das neue Forschungsgebäude, Einführung von Flomax® gegen gutartige Prostatavergrößerung und Mobec® gegen Rheuma
1996 50-jähriges Bestehen der Dr. Karl Thomae GmbH. 6.000 Menschen nehmen an den Feierlichkeiten auf dem Gigelberg teil.
1996 Einführung von Viramune® zur AIDS-Therapie
1997 Einführung von Sifrol® gegen Parkinson
1998: Zusammenführung von Thomae und Boehringer Ingelheim zur Boehringer Ingelheim Pharma KG. Dem Namen nach hört die Firma Thomae auf zu existieren.
1999 Einführung von Micardis® gegen Bluthochdruck
2000 Einführung des biotechnisch hergestellten Metalyse® gegen akuten Herzinfarkt
2002 Einführung von Spiriva® gegen die chronische-obstruktive Lungenkrankheit
2003 Neubau der biopharmazeutischen Wirkstoffherstellung für 255 Millionen Euro, Boehringer Ingelheim verfügt damit über die größte Zellkulturanlage Europas.
2006 Aufnahme des Lehrbetriebs "Pharmazeutische Biotechnologie" der Biberacher Fachhochschule mit 35 Studenten. 2011 sind 240 Studenten immatrikuliert.
2010 Boehringer Ingelheim feiert sein 125-jähriges Bestehen. In Biberach kommen rund 12.000 Besucher zum Mitarbeiterfest.
2010 Erweiterte Zulassung in den USA für Pradaxa® zur Schlaganfallvorbeugung bei Vorhofflimmern
2011 65. Geburtstag des Schmerzmittels Thomapyrin®
2011 Zulassung des Diabetesmedikaments Tradjenta® in den USA